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REISEN NACH SCHLESIEN ein Buch von Ekkehard Kuhn

aus dem Vorwort:

"Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden."  Sören Kierkegaard

Das große, reiche und schöne Schlesien ist im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent. Dabei war es bis 1945 eines der wichtigsten Länder des Deutschen Reiches. Als gebürtiger Schlesier ärgerte es mich schon seit langem, dass meine ostdeutsche Heimat bei den Mitteldeutschen und Westdeutschen verpönt und vergessen war. In der DDR blieb das verlorere Schlesien offiziell tabu. In der Bundesrepublik Deutschland war das Land unbekannt oder es schien vielen Leuten nicht mehr zeitgemäß über Schlesien zu sprechen. Sein Name wurde sogar als Synonym für Revanchismus mißbraucht.

Mit Filmen und Büchern habe ich seit 1996 versucht, diesem Zustand entgegen zu wirken und Aufklärung zu schaffen. Der Zweiteiler-Film "Schlesien - Brücke in Europa" erreichte bei seiner Erstausstrahlung im ZDF über fünf Millionen Zuschauer. Mehrere Wiederholungen fanden weiteres Interesse. Mein Begleitbuch mit dem gleichnamigen Titel erlebte in kurzer Zeit  vier Auflagen. Film und Buch haben auch bei Nicht-Schlesiern ein lebhaftes Echo erfahren. Zu meiner Freude reagierten in der Folgezeit auch andere Fernsehsender mit Filmen über das so lange vergessene Land. Der Bann schien gebrochen.

Im Jahr 2000 lief mein zweiteiliger Film "Schlesische Reise - 1000 Jahre Breslau", zu dem wiederum ein gleichnamiges Begleitbuch erschien. Mit dem hier vorgelegten Band "Reisen nach Schlesien" gehe ich auf die aktuelle Entwicklung der Jahre 2001 bis 2009 ein. Ich wende mich wie bei den früheren Werken sowohl an die Schlesier, die von dort stammen oder deren Nachkommen sind, als auch an deutsche Landsleute, die bislang keinen Bezug zu Schlesien haben.

Das historische Brückenland Schlesien verbindet heute drei Staaten: Deutschland, Polen und die Tschechische Republik. Westlich der Görlitzer Neiße gibt es den deutsch gebliebenen Restzipfel von Schlesien. Östllch davon ist Schlesien - ein Gebiet von der Größe der Schweiz - polnisch. Seit der polnischen Gebietsreform von 1999 ist es in drei Woiwodschaften gegliedert: in Niederschlesien mit der Hauptstadt Breslau, in die Woiwodschaft Oppeln und in die Woiwodschaft, die den größten Teil von Oberschlesien umfasst und jetzt "Schlesien" (Slask) heißt. In der Tschechischen Republik liegt das ehemals österreichische Schlesien mit seiner Hauptstadt Troppau.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in den deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße, die mit 110 000 Quadratkilometer ein Viertel der Fläche Deutschlands ausmachten, rund zehn Millionen Deutsche. In Ostpreußen waren es 2,4 Millionen, In Pommern 1,9 Millionen, in Ost-Brandenburg         600 000, in Schlesien, das am dichtesten besiedelt war, 4,6 Millionen. Ohne den von Hitler verursachten Zweiten Weltkrieg und seine Folglen wäre Ostdeutschland für diese Menschen und ihre Nachkommen die seit Jahrhunderten angestammte Heimat geblieben...

Es ist heute kaum auszumachen, was der Verlust der Heimat damals für die in ihr verwurzelten Menschen bedeutete. "Was Heimat ist, das weiß nur der, der daraus vertrieben wurde", sagte mir eine alte Breslauerein in einem Fernsehinterview. Sie hat mit ihrer existentiell erlebten Erfahrung Recht. Viele ältere Vertriebene wurden mit ihrem Schicksal nicht fertig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der Deutschen hatte dem verwüsteten Land der Untergang gedroht. Aber es ist wieder auferstanden und hat anders als Ostpreußen seinen historischen Namen behalten. Schlesien lebt und ist gerade wegen seiner Brückenfunktion zwischen drei Nationen ein Land mit Zukunft. Seit 2004 gehört Polen zur EU. Die schlesische Hauptstadt Breslau erlebt einen Boom wie kaum eine andere Stadt in Europa. Ihre neuen Bewohner bekennen sich zur schlesischen Identität und schätzen das deutsche Erbe...

Schlesien ist jetzt überwiegend die Heimat von Polen. Das Land mit seinen reichen Bodenschätzen, Flüssen und Bergen, seinen fruchtbaren Ebenen, seinen Städten und Dörfern ist bei allen Veränderungen noch das gleiche. Es prägt seine Bewohner. Auch die neuen. Das Wechselspiel von Landschaft und Menschen geht weiter. Die deutsche Geschichte Schlesiens ist nicht verloren. Sie lebt auch mit den Polen weiter. Geschichte ist nicht nur Vergangenheit sondern auch Gegenwart und Zukunft. Schlesien kann an seine große Vergangenheit anknüpfen und seine europäische Brückenfunktion wahrnehmen, wennn es den Traditionen von Toleranz und Freiheit verpflichtet bleibt. Es hat die Chance dazu.

Das hier vorgestellte Werk ist bei aller großen Geschichte gleichzeitig auch ein persönliches Buch, weil ich meine Begegnungen mit Menschen schildere und mit vertrauten Orten meiner Kindheit und Jugend.

Begleiten Sie mich auf meinen "Reisen nach Schlesien". Lassen Sie sich einfangen von diesem historisch und kulturell so reichen und schönen Land und der bezaubernden schlesischen Metropole Breslau.


(Es folgen 10 Kapitel mit 420 Seiten)

aus dem 10. Kapitel:

An der Via Regia - Neue Höhepunkte in Görlitz und Breslau -    September 2009

..."Wir nähern uns dem Schloss von der Gartenseite. Durch ein schmiedeeisernes Gitter schauen wir auf den neu errichteten barocken Garten mit seinem Brunnen, seinen bunten Blumenbeeten uind Steinskulpturen. Stilgerecht passt er zum historischen Gebäude des Spätgenpalais. (Das Foto ist unter dem Klick "Fotos aus Schlesien" in der Navigationsleiste zu finden, auch in dem kurzen Film "Reise nach Schlesien 2009" ist diese Szene festgehalten. Anmerkung des Website-Autors). Der Eingang zum Schloss ist auf der entgegengesetzten Seite an der verkehrsumtosten Straße, die den Namen von Kazimir dem Großen trägt (ul. Kazimierza Wielkiego). An den Kolonaden, die die beiden Flügel des Hofes verbindet, ein auffälliges blaues Transparent mit der Aufschrift: AUSSTELLUNG 1000 BRESLAU IM KÖNIGSSCHLOSS (siehe Foto und Film). Die Benennung Königschloss hat bei vielen Polen Unverständnis hervorgerufen, die aus ihrer Geschichte nur die Königsschlösser in Krakau und Warschau kennen. Dass nun das dritte Residenzschloss der preußischen Könige diese aus der deutschen Geschichte gerechtfertigte Bezeichnung trägt, ist wohl dem Lokalpatriotismus der heutigen gebildeten Breslauer zuzuschreiben. Ihr Mut ist zu bewundern.

Im Ehrenhof stehen zu beiden Seiten 23 zweifarbige Granitstelen als Meilensteine mit den wichtigsten Daten der Stadtgeschichte. Beginnend mit dem Jahr 1000 und endend mit dem Jubiläumsjahr 2000. Die Auswahl berührt. So erinnern die Ziffern 1813 daran, dass damals Breslau das politische Herz Deutschlands war und von hier der Freiheitskampf gegen den Unterdrücker Napoleon ausging. 1945 - das Jahr, in dem Flucht und Vertreibung der Deutschen begann und zum völligen Ausstausch der Bevölkerung Breslaus führte.

Beim Lösen des Eintritts erfahren wir, dass es noch immer keinen deutschen Katalog für die Ausstellung gibt und Fotografieren und Filmen nicht erlaubt sind. Für mich als leidenschaftlicher Bildermacher eine Enttäuschung. Soll ich den Direktor der Städtischen Museen Lagiewski anrufen, den ich kenne und ihn um eine Sondergenehmigung bitten? Ich verwerfe den Gedanken, weil es unnötig Zeit kosten könnte. Dafür gibt es einen deutschen Audio-Guide und eine Faltbroschüre in Deutsch, die die einzelnen Epochen der Stadtgeschichte und ihre Anordnung auf die 25 Räume des Schlosses beschreibt.

Im ersten Raum finden die Daten der Stelen ihre Benennung. Gegenstände repräsentieren die Epochen. Ein monumentales modernes Gemälde verlangt Betrachtung: "Die wundervolle Auffindung des Hauptes des Heiligen Johannes nach der kommunistischen Katastrophe". Ein unübersehbares Zeichen, dass Johannes der Täufer, dessen Kopf das Zentrum des alten und neuen Stadtwappen bildet, eine historische Reliquie der Breslauer Geschichte bleibt, dass sich die neuen Stadtväter nach dem gescheiterten Kapitel Kommunismus den geschichtlichen Wurzeln der Stadt verpflichtet fühlen. Nach dem piastischen Schlesien im Raum 2 ist der Saal 3 der böhmischen Zeit gewidmet. Stilisierte gotische Balken überspannen die Kostbarkeiten aus dieser Epoche. Eiine gelungene Reminiszenz an den ersten Höhepunkt der Breslauer Geschichte unter der böhmischen Krone.

Angenehm ist, dass der Audio-Guide an bestimmten Stellen von selbst das entsprechende Programm wählt und so die Eingabe von Ziffern entfällt, wie wir es aus deutschen Museen kennen. Hier wurde wie auch bei den elektronischen Informationspunkten, die fast in jedem Raum zu befragen sind, modernste Technik ausgewählt. Die Beschriftung und alle Auskünfte in vier Sprachen. Neben polnisch und deutsch, auch tschechisch und englisch. Der Rundgang geht im ersten Obergeschoss mit dem Raum 4 weiter, der in der Hauptsache dem Rat der Stadt, dem Rathaus und dem Stadtwappen gewidmet ist. Im nächsten Saal wird die Reformation behandelt, die sich in Breslau so schnell und umfassend ausgebreitet hat. Im Raum 6, der den Breslauer Humanismus zum Thema hat, meldet sich der Audio-Guide mit bewundernden Sätzen über die berühmten botanischen Gärten des Laurentius Scholz, die für viele Reisende damals allein der Grund für den Besuch von Breslau gewesen seien. Der Arzt, der in Italien studiert hatte, brachte die Gartenkultur der Renaissance in die schlesische Hauptstadt. In seinen Schöpfungen veranstaltete er die berühmten "Blumenfeste", die sogenannten "Floralia Vratislaviensia". Er gelangte zu solchem Ruhm, dass er als Scholz von Rosenau in den böhmischen Adelsstand erhoben wurde.

Im nächsten Raum sind die Gegenreformation und die Habsburger Herrscher das Thema. Hier entdecke ich hinter Glas den silbergoldenen hohen Kaiserpokal, den ich vor einem Jahr schon im Rathaus bewundert habe. Im Saal 8 und 9 werden Klöster behandelt und Kunstwerke dieser Zeit ausgestellt. Im Übergangsraum vom Ostflügel des Schlosses in das barocke Spaetgen-Palais leiten die Schlesischen Kriege, die der preußishe König Friedrich der Große gegen die habsburgische Kaiserin Maria Theresia führte, zur neuen Epoche unter den reformierten Hohenzollern-Königen ein. Der erste Raum ist Friedrich dem Großen gewidmet, der von den Polen auch als solcher bezeichnet wird. Eine Tatsache, die deutsche Historiker oder Politiker, die ihn weiter als Friedrich II. benennen, beschämen müsste. Ein Stich zeigt den zweistöckigen Bau, den Friedrich der Große nach Süden an das Palais-Spätgen anfügen ließ und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Die nächsten Räume sind König Friedrich Wilhelm II., dem Nachfolger Friedrich des Großen als grüner und roter Salon gewidmet. Im sogenannten "Gelben Zimmer", das zur Gartenseite nach Süden geht, ist der Nerv der preußisch-deutschen Geschichte berührt. Hier hat König Friedrich Wilhelm III. die Aufrufe "An mein Volk" und "An mein Kriegsheer" unterzeichnet, die zum Startsignal der Befreiungskriege gegen Napoleon wurden. Hier stiftete er als Tapferkeitsmedaille das "Eiserne Kreuz". Auf dem Tisch an historischer Stelle Originalexemplare der "Schlesischen Zeitung" vom 20. März 1813, in der die Aufrufe veröffentlicht sind. An den Wänden ein Porträt des Königs in Uniform vor dem Brandenburger Tor in Berlin, der bekannte Stich wie Professor Heinrich Steffen die Breslauer Studenten zum Kampf gegen den französischen Usurpator aufruft und die Lithografie von Adoph von Menzel "Abschied der Lützower Freiwilligen".

Der mittlere Raum mit dem Balkon zum Garten ist das blaue Audienzzimmer von König Friedrich Wilhem III. Über der Sitzgruppe ein großes Gemälde, das den preußischen Generalfeldmarschall Gebhardt Blücher bei der Schlacht von Waterloo zeigt, in der Napoleon endgültig besiegt wird. Beim Wissen, dass die Polen damals zu einem großen Teil preußische Untertanen waren, die mit ihrem Herzen politisch auf der anderen Seite standen, weil sie von Napoleon die Wiederherstellung ihres Staates erhofften, ist diese historische Darstellung der preußischen Geschichte und ihrer Könige im Breslauer Schloss eine Sensation. Einem polnischen Besucher wird viel Verständnis und Nachsicht abverlangt. Ich als deutscher Schlesier genieße den Aufenthalt in diesen historischen Räumen mit Stolz und Erstaunen. Nie hätte ich daran gedacht, dies einmal in Breslau erleben zu können. Das Verdienst des Direktors der Städtischen Museen Maciej Lagiewski bei der Verwirklichung seines Vorhabens hier im Schloss ist nicht hoch genug zu schätzen. Allen Anfeindungen von Landsleuten zum Trotz hat er mit der Breslauer Ausstellung etwas Außergewöhnliches geschaffen. Die nationalen Blickwinkel der Vergangenheit werden im Interesse einer gemeinsamen Zukunft auf eine europäische Dimension ohne gegenseitige Vorwürfe erweitert. Aus der Geschichte lernen, hier ist die Forderung lebendige Gegenwart. Verständnis und Versöhnung nach allem Leid, das sich die beiden Völker als Opfer ihrer Verführer in so hohem Maße angetan haben...

...1000 Jahre Breslauer Geschichte als Dauerausstellung im renovierten Schloss der preußischen Könige, die stellvertretend auch für das ganze Schlesien gesehen werden kann. Ich hatte schon einige positive Urteile von deutschen Besuchern gelesen, die der eigene Eindruck bestätigt.              "Die Ausstellung hat meine Erwartungen noch übertroffen", resümiere ich. "Eure Hauptstadt wird mir immer sympathischer", sagte meine Frau, "diese Ausstellung ist nicht nur ein Muss für alle polnischen und deutschen Schlesier sondern für alle Besucher der Stadt."...

Nachwort:


"Schlesien - ein herrliches Land im Herzen Europas, dessen Erbe und Auftrag einmalig ist."      

                            Alfons Nossol, Bischof von Oppeln

Mit dieser Wertung beginnt Bischof Nossol einen Artikel über "Christliche Identität im Spannungsfeld der (Wieder-)Begegnung von Ost- und Westeuropa". Darin stellt er die Frage, worin das eigentlich Schlesische besteht. Verkürzt und einfach beantwortet er sie mit den Worten "europäische Vielfalt in Grenzen unbegrenzt." Zur Vertiefung dieser Frage zitiert er zwei schlesische Dichter. Den aus Niederschlesien stammenden Andreas Gryphius, der nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges aufrief: "Wach auf mein Herz und denke" und den aus Oberschlesien stammenden Joseph Freiherr von Eichendorff, der sagt: "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt". "Mit dem Herzen denken und voll der Begeisterung zu sein, gehört somit zum wichtigsten Wesenszug unserer schlesischen Heimat, ja- zum Geheimnis des Schlesierseins, das sich sowohl früher als auch heute immer wieder im Spannungsfeld von Gemüt und Rationalität zu vollziehen scheint."

"Man könnte Schlesien von der Landkarte tilgen, man könnte die Schlesier aus dem Lande treiben oder sie verpflanzen - das Wesen Schlesiens würde fort und fort bestehen." Diese visonären Worte wurden 1939 vom schlesischen Volkskundler und Schriftsteller Will-Erich Peukert in seiner Biographie der Landschaft Schlesiens geschrieben. Das besondere Wesen dieses Volksstammes hat seine Wurzeln: In der Landschaft und in der friedlichen Vermischung von germanischen und slawischen Stämmen. Fast alle alten deutschen Stämme waren an der ersten großen Welle der Siedlung im 12. und 13. Jahrhundert beteiligt, als die schlesischen Piastenherzöge die Menschen aus dem Westen in ihr Land riefen. Die zweite Siedlungswelle im 16. Jahrhundert brachte unter anderm die evangelischen Böhmischen Brüder ins Land. Unter Friedrich dem Großen und seinen Nachfolgern kam es in der nun  preußischen Provinz zur dritten Siedlungsaktion, die weitere Bauern, Handwerker und Bergleute nach Schlesien zog. Aus der Gemengelage von Ureinwohnern und von Zugezogenen mit ihrem unterschiedlichen Erbe entstand als Konglomerat der "schlesische Mensch", den der aus Glatz stammende Dichter Hermann Stehr mit den Worten beschreibt: "Der schlesische Mensch gleicht einer Brücke zu einem Wesen, nach dem er sich sehnt, auf das er unausgesetzt zustrebt, wie das schlesische Land im europäischen Raum die Brücke von Süden zum Norden, vom Osten zum Westen darstellt."                     

Wie eine Brücke zwei Pfeiler hat, so ist die doppelte Richtung, in der sie führt, für die Schlesier Programm. So urteilt Hermann Stehr weiter: "Ihre Augen sehen nicht in einer Richtung, sondern schauen gleichsam, ohne zu schielen, gegeneinander, sie stehen stets auf zwei Polen, haben Rechts und Links in jeder Hand." Diese Gegensätzlichkeit gibt es bei den Schlesiern nicht nur im seelischen Bereich zwischen dem Hand zum Mystischen und der Suche nach Rationaliät, sie ist auch im räumlichen Erleben eigen. Die Polarität zwischen der ausgeprägten Liebe zur Heimat und der Fernsehnsucht gehört ebenso zur Besonderheit des schlesischen Wesens.

"Schlesien - Brücke in Euopa", diese aus der Geschichte belegte Bezeichnung hatte ich bewußt als Titel für meine beiden ersten Schlesienfilme und mein Begleitbuch gewählt. Sie war und ist auch nach der völligen Vertreibung der Deutschen aus Niederschlesien und ihrer überwiegenden Anzahl aus Oberschlesien gültig. Mit der Ansiedlung der vertriebenen Polen aus Ostgalizien kam es in diesem historischen Land zu einer Wiederbegegenung von Ost- und Westeuropa. Aus dem Spannungsfeld einer von der großen Politik erzwungenen Begegnung erwuchs mit der Zeit die gegenseitige Achtung der alten und neuen Schlesier. An ihrem Schicksal hatten beide Seiten keine Schuld. Die Wurzeln und das Erbe Schlesiens sind nicht vergessen. Das "Wesen Schlesiens" besteht auch nach der Vertreibung ihrer früheren Bewohner "fort". Landschaft und geschichtliches Erbe formen auch die neuen Bewohner dieses Landes.

Die Zusammenarbeit der vertriebenen Schlesier, mit ihrem Interesse an der Heimat, und den Neuschlesierm beim Wiederherstellen von Kulturgütern sind ein Beleg, dass beide Seiten das Erbe Schlesiens unverlierbar schätzen. "Schlesien - Brücke in Europa" diese Formel wird als Aufforderung verstanden, die Chance des Miteinanders für eine gemeinsame gute Zukunft zu nutzen. Die alte "via regia", 2004 vom Europarat zur "Kulturstraße Europas" erhoben, wird zum neuen Symbol einer Zusammenarbeit von West und Ost über alle Grenzen hinweg. Die Kennzeichnung Schlesiens von Alfons Nossol "europäische Vielfalt in Grenzen unbegrenzt" besteht zu Recht. Schlesiens Erbe und Auftrag ist einmalig. Schöne Landschaften und Orte haben auch andere Gegenden. Der schlesische "genius loci", der vor allem in der Hauptstadt Breslau zu spüren ist, wird zunehmend auch von Fremden entdeckt und geschätzt. Es gibt die im Gegensatz von Katholiken, Protestanten und Juden gewachsene schlesische Toleranz nicht nur als historischen Begriff, sondern als gelebte Wirklichkeit wie z.B. auch örtlich im "Viertel der Toleranz" in Breslau. Daran können auch provozierende Worte mancher Politiker und fremdenfeindliche Losungen von einigen Verwirrten nichts ändern.

Die Chance einer weiteren fruchtbringenden Zusammenarbeit von Polen und Deutschen im Brückenland Schlesiens zum gemeinsamen Wohl gilt es zu nutzen. Dazu will ich auch mit diesem Buch beitragen.


Auszüge aus dem Echo auf mein neues Buch REISEN NACH SCHLESIEN  habe ich im Kapitel AKTUELLES dieser Homepage zusammengestellt